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Brauche ich Vergebung?



Nebel. Es ist so weiß vor der Tür, dass ich stark überlege, ob ich heute meine Kamera mitnehme. Ob ich überhaupt rausgehe. Aber der innere Schweinehund darf nicht gewinnen. Und vielleicht lichtet sich der Nebel bald. Ich gehe raus und tatsächlich ist die Sicht im Wald am Rande von Dörfleins deutlich besser. Nicht gut aber als ich die Verschlusszeit deutlich reduziere zeigt die Kameraautomatik annehmbare ISO- Werte - wenn sich mein Ziel nicht bewegt, kann ein Bild gelingen. So bleibe ich wie gewohnt stehen und höre dem Wald zu. Auch wenn keine Besonderheit meine Aufmerksamkeit auf sich zieht, ist die Zeit ein Gewinn. Ich nutze sie für mein Inneres, für Gebet und zum Nachdenken. Ich reflektiere, atme die gute Luft bewusst ein, spüre die Kälte des Winters und bin einfach nur da.


Heute werde ich unterbrochen, es passiert etwas um mich. Ich höre ein leises Rascheln der Blätter und ca. 100 m vor mir sehe ich, soweit die Bäume die Sicht freigeben, ein unruhiges Reh. Das Tier kommt in seiner Fluchtbewegung zum Stehen, dreht sich um und schaut zurück. Genug Zeit für mich meine Kamera zu richten und zu hoffen, dass es mir vielleicht näherkommt. Und tatsächlich, das Reh entscheidet sich für einen radikalen Richtungswechsel ca. um 90 Grad und verkürzt so wie gehofft unsere Distanz. Ich schwenke mit, das Tier bleibt auf meiner Höhe wiederholt stehen und schaut noch mal zurück. Meine Sekunden beginnen, der Fokus der Kamera leistet gute Arbeit und ich erwische Augenblicke, in der das Tier bewegungslos verharrt. Aber wie so oft schneller als es mir lieb ist zieht das Reh weiter.


Ich bin froh über die schöne Begegnung, staune über die Qualität des Bildes und denke nach. Denn so ein Verhalten der Rehe konnte ich oft beobachten. Eine Flucht mit Unterbrechungen. Etwas unentschlossen. Es wird immer wieder zurückgeschaut. Was war das? Immer noch? Vielleicht doch nur interessant und wenig gefährlich? Vielleicht kann ich schon mit der Flucht aufhören. So haben die Verfolger eine gute Chance näher zu kommen. Auch die Jäger kennen diese Schwäche der Rehe und pirschen gerne nach. Armes Reh!

Anders verhalten sich die Wildschweine. Sie bilden Familienverbände und wenn die Chefin (es ist immer ein erfahrenes Weibchen) ein Fluchtsignal gibt dann rennt die ganze Rote um ihr Leben. Lange, ausdauernd und ohne nachzuschauen - Verfolgung zwecklos. So bekommen wir im Wald meistens kein Wildschwein zu sehen. Gut versteckt lassen sie uns gerne an sich vorbeiziehen. Und wird es doch für sie brenzlig dann sind sie einfach weg. So was von weg.


Jetzt stehe ich im trüben Wald und denke über das Erlebte nach. Was kann ich heute lernen? Ich merke auch ich neige im Leben zum Zurückschauen. Wenn ich gestört oder sogar verletzt werde, bin ich gerne beleidigt und nachtragend. Immer wieder kehre ich in meinem Innerem zurück zu der Verletzung. Schaue zurück und erzähle auch den anderen wie schlimm es war. Wie böse der Mensch, der mich verletzt hat, ist. Wie unfair. Oft kommen dann noch Rachegedanken. Dem/der zeige ich es! Wird noch büßen müssen. Wie im Morgennebel gefangen sehe ich den Schmerz und die Verursacher. Die bösen Gedanken brennen sich in meiner Seele ein. Das Leben verliert viel an Farbe und wenn ich nicht aufpasse, werde ich zum Getriebenen wie der Graf von Monte Christo. Heute versuche ich den Weg der Wildschweine zu gehen. Vergeben ist mein Grundsatz. Kein Zurückschauen. Flucht nach vorne. Abhaken und weiter. Nicht zulassen, dass das Böse Zeit und Macht in meinem Leben gewinnt. Wenn ich zurückschaue, bleibe ich Gefangener der Verfolger. Sie bestimmen mein Verhalten, die Störung/Verletzung hat immer noch Macht über mich. In der Vergebung, in der konsequenten Flucht nach vorne bin wiederum frei. Ich bestimme die Richtung, Tempo, Länge und mein Ziel. Ich vergesse nicht aber ich vergebe.


Oft hat dieses Verhalten auch heilende Wirkung auf die Beziehung. Ich glaube sogar ohne Vergebung ist keine Gemeinschaft, kein echtes Miteinander möglich. Wir verletzen uns ständig gegenseitig. Das Wissen um meine Begrenztheit hilft mir die Begrenztheit der anderen besser zu akzeptieren und zu vergeben. Aber Vergebung ist für mich nicht in erster Linie Nächstenliebe. Es geht um mich und meine Gesundheit, es ist mein Leben, welches ich schütze. Ich vergebe nicht für die anderen, ich tue es für mich. Damit meine schlechten Gedanken; mein aufsteigender Hass nicht meine Seele beschädigen. Vergebung ist wie die Dusche für die Seele.

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